Eigentlich ist es großartig, was in den vergangenen Wochen in Tunesien und Ägypten passiert ist. Nach Jahrzehnten himmelschreiender Ungerechtigkeit verlangt das Volk nun endlich, was ihm zusteht: Freiheit, Menschenrechte, Chancengleichheit. Doch die Reaktionen des Westens sind erstaunlich verhalten.

Kein Wunder, wenn man etwas genauer hinsieht. Schließlich haben die USA und die EU lange genug von der scheinbaren Stabilität und Berechenbarkeit dieser Regime profitiert. Was nicht zuletzt daran liegt, dass Mubarak und Co. ihre Macht zu einem guten Teil auf massive Finanz- und Rüstungshilfen aus dem Westen stützen konnten.

Jetzt ist dieses System ins Wanken geraten. Und im Westen geht die Angst vor einem Aufstieg des radikalem Islamismus um. Fakt ist: die Bevölkerung in Ägypten weiß genau, dass das Unrechtsregime von Mubarak sich nur durch die massive Unterstützung des Westens so lange halten konnte.

Ein redliches Bemühen des Westens um Demokratie in Ägypten und im Nahen Osten fand nie statt. Man sah die dortige Bevölkerung nie als gleichwertig an, sondern nur als potentielle Unterstützter des radikalen Islamismus – und das besonders nach dem 11. September. Die Jugend allerdings, die im Iran, in Tunesien und jetzt auch in Ägypten auf die Straße ging, wirkt keineswegs wie blindwütige Islamisten. Die Fernsehbilder zeigen moderne, selbstbewusste junge Menschen. Ihr teilweise offen zur Schau getragenes Misstrauen gegenüber dem Westen ist nichts weiter als eine verständliche Reaktion darauf, jahrzehntelang im Stich gelassen worden zu sein.

Die Nahostpolitik der letzten Jahrzehnte war eine Politik der Angst. Spätestens seit der islamischen Revolution im Iran wollte der Westen – um jeden Preis wie es scheint – eine weitere Ausbreitung des Islamismus verhindern. Ohne sich dabei bewusst zu werden, dass Extremismus oft nur eine Reaktion auf miserable Lebensumstände, mangelnde Bildung und Perspektivlosigkeit ist.

Doch anstelle sich um diese strukturellen Probleme zu kümmern – was durchaus im Bereich des machbaren europäischer und amerikanischer Politik gelegen hätte – hat man es vorgezogen, sich auf Despoten und Waffen zu verlassen. Wohin das führen kann, zeigen auf drastische Weise zwei aktuelle Krisenherde: Irak und Afghanistan. Sowohl die Taliban, als auch Saddam Hussein waren einst willfährige „Stellvertreter“ westlicher Sicherheitsinteressen.

Der Westen hat im Nahen Osten dutzende Chancen verspielt. Nun fürchtet man sich in Ägypten vor einem neuen politischen Scherbenhaufen zu stehen. Weder Amerikaner noch Europäer wagen es, klar Stellung zu beziehen. Zu groß ist die Angst, dass nach der Ära Mubarak ein radikalislamistischer ägyptischer Staat entsteht. Eine wohl irrationale Angst, die die Entwicklungen der letzten Zeit schlichtweg ignoriert. Nicht der Islamismus ist dieser Tage auf den Straßen von Ägypten, sondern der Wunsch nach Freiheit und einem besseren Leben.  Es ist jetzt an der Zeit, wieder Vertrauen aufzubauen und mit offenen Armen auf die junge Generation in Ägypten und in der gesamten arabischen Welt zuzugehen.