Wohl jeder, mit den Techniken wissenschaftlichen Arbeitens halbwegs vertraut ist, hat sich, nach Karl-Theodor zu Guttenbergs Anhörung vor dem Bundestag am Mittwoch, wohl folgende Frage gestellt – natürlich nur, wenn man ihm abkauft, dass er nicht absichtlich plagiiert hat:

In welchem Zustand geistiger Umnachtung muss man eine solche eigentlich Arbeit angefertigt haben?

Anders, als mit einer schwerwiegenden geistigen Beeinträchtigung (zumindest während des sieben Jahre währenden Entstehungsprozesses, noch dazu in – man beachte den Superlativ – mühevollster Kleinstarbeit) ist es jedenfalls kaum zu erklären, dass man während des Entstehungsprozesses einer Dissertation nicht mehr weiß, was irgendwo abgeschrieben hat und was auf seinem eigenen Mist gewachsen ist.

Angesichts seines Verhaltens am vergangenen Mittwoch ist Herr Guttenberg sich offenbar dieser zeitweiligen Beeinträchtigungen auch bewusst. Schließlich hat er ausdrücklich um weitere Hinweise auf plagiierte Stellen gebeten, was darauf schließen lässt, dass er tatsächlich nicht mehr weiß, was von ihm stammt. Dies lässt natürlich Zweifel an seiner Eignung als Verteidigungsminister aufkommen. Kann es sich ein Land, wie die Bundesrepublik wirklich leisten, einen Verteidigungsminister zu haben, der unter temporären Aussetzern des Urteilsvermögens leidet? Ein Rücktritt wäre wohl das Beste in seinem Fall. Schon allein zur Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Soldaten im Einsatz.

Doch Spaß beiseite: Guttenberg hat kein Kavaliersdelikt begangen und seine Kritiker sind auch keine kleinlichen Fußnotenzähler. Es geht hier um handfeste Verletzungen des Urheberrechts und der wissenschaftlichen Methode, die von der Bundesregierung in beschämender Weise kleingeredet wird. Wenn eine Regierung von sich selbst behauptet, das geistige Eigentum schützen zu wollen, sollte sie auch dazu stehen. Alles andere sind Lippenbekenntnisse.

Der einzige Rohstoff, den unser Land hat, ist der Geist. Die Äußerungen aus dem CDU/CSU-Lager lassen tief blicken, wie es um deren Wertschätzung von Wissenschaft und Bildung bestellt ist, wenn es um sogenannte „Realpolitik“ geht. Sie sind eine Ohrfeige für jeden redlichen Wissenschaftler und Studierenden.

Man versucht im Hause Merkel, sich auf Biegen und Brechen, die kommenden Landtagswahlen im Visier, durch die Affäre zu mogeln. Das Motto auf der Regierungsbank scheint zu sein: Augen zu und durch. Ungeachtet des Schadens, den die Billigung eines derartigen Fehlverhaltens, wie es zu Guttenberg begangen hat, anrichtet. Hier wurde durch offensichtliche Kungelei ein ganzes System in ad absurdum geführt.

Angesichts der peinlichen Selbstverteidigungsversuche, die sich irgendwo zwischen herablassender Bagatellisierung und rotzfrecher Dreistigkeit bewegen, ist es immer unverständlicher, wie ein großer Teil der Bevölkerung – wenn man den Umfragen glauben darf – die erdrückende Faktenlage ignoriert und weiterhin an ihrem Liebling festhält. Ist das noch Wunschdenken oder schon pseudoreligiöse Verehrung?

Guttenberg hat ja stets davon profitiert, als „anders“, als die anderen Politiker zu gelten. Das hat er seiner Herkunft zu verdanken, seiner Selbstinszenierung als schneidigen, integeren und gebildeten Politstar und natürlich seiner geradezu unappetitlichen Nähe zum Springer-Verlag.

Doch abseits geschliffener Worte, glamourösem Blitzlichtgewitter und dem professionell-kühlem Schassen von Mitarbeitern hat er wenig vorzuweisen. Die Sympathiewerte stimmen trotzdem. Guttenberg ist auch ein Produkt unseres Zeitgeists, wo es vor allem auf die glänzende Oberfläche (nein, dies ist keine Anspielung auf seine Frisur) ankommt, als auf tatsächliche Kompetenz oder das Leben von Werten, die man selbst predigt, ankommt. Guttenberg ist eine Projektionsfläche für all die Hoffnungen, die eine von der „gewöhnlichen“ Politik enttäuschte Wählerschar trägt.

Bleibt zu warten, wie lange es dauert, bis man auf breiter Basis feststellt, dass einer Projektionsfläche eines fehlt: Substanz.