Die Ereignisse der letzten Tage in Japan übersteigen bisher alles Vorstellbare. Wohl niemand hätte vor einer Woche eine derartige Katastrophe in einem Atomkraftwerk eines der am höchst entwickelten Länder dieser Erde erwartet: In drei Reaktorblöcken sind die Kühlsysteme nahezu vollkommen ausgefallen, Kernschmelzen drohen oder sind bereits im Gang, 200.000 Menschen wurden evakuiert.

Es ist eine Situation, der man bisher nur Ländern mit zweit- bis drittklassigen Sicherheitsstandards zugetraut hatte. Das war zumindest die Illusion die man nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hatte. Nun hat es die drittgrößte Industrienation der Welt erwischt. In Japan herrschen Zustände, wie man dort seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr kannte.

Die Bundeskanzlerin und ihr Vizekanzler waren sichtlich bestürzt angesichts dieser Ereignisse. Sicher auch weil es ihre Regierung war, die vor wenigen Monaten erst eine Verlängerung der Atomkraftwerkelaufzeit um durchschnittliche 12 Jahre beschlossen hatte. Nun haben sie die Laufzeitverlängerung für 3 Monate ausgesetzt. Was das im Klartext heißt, wird sich zeigen. Vielleicht werden die ältesten – und damit auch unsichersten – Reaktoren nun doch abgeschaltet werden. So, wie es im Atomausstieg, den die rot-grüne Bundesregierung ursprünglich beschlossen hatte, festgelegt wurde.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Eine ähnliche Katastrophe, wie sie Japan mit dem Erdbeben und dem darauf folgenden Tsunami heimgesucht hat, ist in Deutschland nicht möglich. Andere Unglücke, wie Flugzeugabstürze oder Terroranschläge lassen sich nicht ausschließen. Auch wenn deren Wahrscheinlichkeit gering ist – die Folgen wären, wie man jetzt in Japan sieht, verheerend.

Ebenso ist menschliches Versagen ein Ausfall der Technik bei den teilweise bis zu 40 Jahre alten Reaktoren sei es durch Korrosion oder schlichtweg Materialermüdung immer wahrscheinlicher. So sorgt derzeit ein mehr als zwei Millimeter breiter Riss in einer Leitung des Primärkreislaufs im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld für heftige Diskussionen. Auch die Kernkraftwerke Biblis und Neckarwestheim stehen wegen ihres Alters und immer wieder auftretender Sicherheitsproblemen in der Kritik.

Atomkraftwerke sind aber auch nahezu unschlagbare Geldmaschinen. Alleine durch die Ende 2010 beschlossene Laufzeitverlängerung können die Atomkraftwerksbetreiber mit Milliardengewinnen in den nächsten Jahren rechnen – und das bisher ohne ernsthaften Druck, mehr in deren Sicherheit zu investieren. Im Gegenteil: durch den bevorstehenden Ausstieg wurden vielfach notwendige Sicherheitsaufrüstungen schlichtweg ausgelassen.

Japan hat nun der Welt deutlich vor Augen geführt, wie groß die Gefahren von Atomkraft sind. Auch die immer wieder gebrauchte Floskel von Atomkraft als „notwendige Brückentechnologie“ ist nichts weiter, als eine Ausrede für mangelnden Mut und Willen, tatsächlich ein zukunftsfähiges Energiekonzept auszuarbeiten. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) hat in einem im Januar veröffentlichten Gutachten die Realisierbarkeit einer vollständig aus erneuerbaren Energiequellen stammenden Stromversorgung in Deutschland festgestellt. Und das ohne Laufzeitverlängerung oder den Bau neuer Kohlekraftwerke. Es fehlt offenbar nur an politischem Willen, tatsächlich tiefgreifende Umstrukturierungen der Energieversorgung zu wagen. Es scheint einfacher zu sein, vermeintlich wirtschaftlichen Interessen folgend, den Atomkraftwerksbetreibern klein beizugeben.

Vielleicht bewirkt die Katastrophe in Japan nun endlich ein Umdenken – es wäre höchste Zeit.

Links:

Direktlink zum Gutachten des SRU

Studienarbeit zum Energiekonzept der Bundesregierung