Archive for April, 2011


Sie waren, nach Stanislav Lem, die wohl einflussreichsten Schriftsteller jenseits des Eisernen Vorhangs. Die Brüder Strugatzki. Waren sie in ihrer Anfangszeit mit Werken, wie Atomvulkan Golkonda (1959) noch Vertreter der klassischen von Technologie- und Sozialismusgläubigkeit geprägten Science Fiction der 1950er Jahre, haben sich ihre Themen und ihr Stil schnell emanzipiert. Immer mehr mischten sich kritische Untertöne in ihre Geschichten. Da blieb kaum noch etwas übrig vom idealen sozialistischen Übermenschen, den die Systempropaganda so gerne gesehen hätte.

Schon ihr 1963 erschienener Roman Der ferne Regenbogen, der die Auslöschung eines ganzen Planeten durch ein fehlgeschlagenes Experiment thematisiert, nahm bereits einige Themen vorweg, die die beiden Leningrader immer wieder aufgreifen würden: die Konfrontation des Menschen mit Dingen, die weit über seine Macht und sein Begriffsvermögen hinausgehen und – durchaus wesensverwandt: die zu Sowjetzeiten allgegenwärtige Bedrohung durch den Atomkrieg.

Das Repertoire an übermenschlichem allerdings wurde in den kommenden Jahren immer weiter verfeinert. Es war nicht nur die Technik, oft steht der Mensch selbst und dessen (teilweise gelenkte) Evolution zu Höherem im Mittelpunkt. Der Mensch – so viel kann man durchaus hineininterpretieren – ist bei den Strugatzkis bei weitem nicht die Krone der Schöpfung. Eher ein Zwischenstadium.

Der Heyne Verlag bringt nun eine Gesamtausgabe ihrer Werke heraus. Die Texte wurden dabei in ihrer ursprünglichen Form – also vor der Zensur durch Verlage und Behörden – wieder hergestellt. Wie drastisch, ja regelrecht paranoid die damalige Zensurpraxis war, zeigt sich vielleicht am besten an den 896 Textänderungen („Korrekturen, Streichungen, Einfügungen, Ersetzungen“ – Boris Strugatzki) in ihrem 1969 erschienen Roman Die Bewohnte Insel. Andere Texte, wie Das Experiment (1969 – 75), waren niemals zur Veröffentlichung bestimmt, sondern mussten bis in die späten 80er Jahre ein „Schubladendasein“ an geheim gehaltenen Orten führen.

Wie systemkritisch und wagemutig die Texte der Strugatzkis waren, lässt sich heute vielleicht nur noch erahnen. Was sie jedoch so zeitlos macht ist nicht nur, dass sie grundlegende Fragen der Lebens – auf die es nicht unbedingt eine Antwort gibt – aufwerfen, sondern auch ihre lebendige, gleichzeitig schonungslose Darstellung der menschlichen Natur an sich. Die Menschen im Universum der Strugatzkis sind – trotz der merkwürdigen Umstände, in die sie teilweise hineingeworfen werden – erfrischend normal. Sie trinken, lachen, weinen, vögeln, feiern, sind deprimiert und voller Hoffnungen. Sie scheitern und haben Erfolg, sind moralisch gefestigt und verdorben.. Da gibt es keine leeren Statisten, keine Platzhaltercharaktere. Die Strugatzkis schildern Charaktere aus dem Leben.

Die Bühne für diese Charaktere sind dabei höchst unterschiedlich, aber niemals banal. Da ist die Welt von Picknick am Wegesrand, in der die Menschheit von einer Außerirdischen Zivilisation besucht wurde, die ihnen jedoch nichts zurückgelassen hat, als eine Reihe „Landungszonen“, in denen die Gesetze der Physik auf dem Kopf zu stehen scheinen und aus denen Schatzräuber fremdartige Artefakte stehlen – eine seltsame Mischung aus Tschernobyl und Las Vegas.

Oder die beklemmende Welt von Das Experiment. Eine Stadt hineingezwängt zischen einem bodenlosen Abgrund und einer endlos hohen „gelben Wand“, wo Menschen aus allen Herren Ländern und den verschiedensten Zeiten des 20. Jahrhunderts Teil eines endlosen sozialen Experiments sind. Niemand weiß das Ziel dieses Experiments, noch die Identität der Experimentatoren – es ist nicht einmal gewiss, ob das Experiment nicht schon längst gescheitert ist.

Doch auch klassische Science-Fiction Szenarien bekommen bei den Strugatzkis ihren ganz eigenen Dreh: Die bewohnte Insel, schildert eine zunächst typische Robinson Crusoe-Situation. Der Held ist mit seinem Raumfahrzeug auf einem fremden Planeten gestrandet. Er ist allein und versucht einen Weg nach Hause zu finden. Doch je tiefer er in die Geheimnisse der fremden Welt und seiner Einwohner eintaucht, umso mehr wird er in dessen Geschicke hineingezogen. Der einstmals naive Weltraumforscher wandelt sich zum grimmigen, alles entschlossenen Revolutionär gegen ein Terrorregime.

Gemäß der Weisheit, dass ab einem gewissen Entwicklungsgrad jede Technologie wie Zauberei erscheint, sind auch die Welten der Brüder Strugatzki voller auf dem ersten Blick magischen Elementen. So begeben sich die Schatzsucher in Picknick am Wegesrand auf die Suche nach so geheimnisvollen Gegenständen, die der „goldenen Kugel“, sammeln „Nullen“ und benutzen „ewige Akkumulatoren“ mit teilweise für menschliche Verhältnisse völlig unbegreiflichen Eigenschaften. Dieser Rückgriff auf ein oft urtümliches Vokabular für weit fortgeschrittene Technologie, der ohne die in der Science-Fiction oft obligatorische Erklärungswut mit Quanten- Nano- und sonstiger Technologie auskommt, gibt den Werken der Strugatzkis eine ganz eigene Zeitlosigkeit. So würde jeder Versuch, mit dem Wissen der 1970er Jahre einen hochentwickelten Computer darzustellen heute nur lächerlich wirken, die Technologie der Strugatzkis dagegen bleibt magisch und mysteriös.

Band I der Gesamtausgabe enthält die der Maxim-Kammerer-Trilogie: Die bewohnte Insel, Ein Käfer im Ameisenhaufen und Die Wellen ersticken den Wind und bieten einen guten Einstieg in Werke der Strugatzkis. Sie dokumentiert gleichzeitig auch sehr gut den Entwicklungsprozess der Strugatzkis von ursprünglich Handlungsorientierten Texten hin zu immer tiefer gehenden Themen – wobei man auch der bewohnten Insel keinesfalls den Vorwurf machen kann, es sei ein Action-Roman (auch wenn das die Autoren ursprünglich beabsichtig hatten).

Band II, der ebenfalls schon im Handel erhältlich ist, besteht aus den oben erwähnten Picknick am Wegesrand und Das Experiment, sowie dem Roman Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang.

Band III, der „demnächst“, wie es auf der Verlagshompage heißt, erhältlich sein soll. Beinhaltet Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein, Die dritte Zivilisation und Der Junge aus der Hölle. Teil IV, mit Der Montag fängt am Samstag an, Ein Teufel unter den Menschen und Das Märchen von der Troika ist für den Oktober geplant.

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Diese Tage ist mir – beim Platz schaffen für Band 2 der Strugatzki-Neuübersetzungen von Heyne – ein alter Bekannter in die Hände gefallen: Moby Dick. Hübsch aufgemacht mit einer Filmszene aus der 1950er Verfilmung mit Gregory Peck, in der der Wal gerade Ahabs Walfangboot zwischen den Kiefern zermalmt, hat das Buch gleich meine Aufmerksamkeit geweckt. Eine irgendwie passende Situation – es scheint an der Sichtung dieses weißen Biests doch eine gewisse Magie zu stecken. „Wal! Da bläst er!“

Nachdem ich mich erst einmal durch die einleitende Etymologie zum Thema Wal hindurch durchgekämpft habe – eine recht quälende Sache, die aber dennoch irgendwie die passende Stimmung für den Einstieg aufbaut – und mir einen der wohl berühmtesten Anfangssätze der Literaturgeschichte („Nennt mich Ismael.“) auf der geistigen Zunge habe zergehen lassen, war ich auch schon unversehens zu sehr in das Buch involviert, um es so schnell wieder aus der Hand zu legen.

Es ist eine Weile her, seit ich Moby Dick zum ersten Mal gelesen habe und, obwohl ich mich an vieles recht genau erinnere, kommt es mir so vor, als würde ich doch ein komplett anderes Buch lesen. Ja, doch: man verändert sich – und gute Bücher mit einem.

War ich bei ersten Mal noch eher an der „Action“ interessiert („Ja, wann kommt endlich der Wal?“), genieße ich diesmal viel mehr das Kolorit einer längst vergangenen Zeit, stolpere gerne hier und da über Melvilles aufmerksame Gesellschaftskritik und lasse mich diesmal auch von dem – grad aus moderner Sicht – eher gemächlichen Tempo nicht aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil: Es baut sich Seite für Seite eine dichte, lebendige Atmosphäre auf.

Die Pequod, der uralte, seltsam mit Walbein verzierte Kahn erwacht so regelrecht zum Leben. Seine Besatzung, die Quequegs, Starbucks, Flasks und wie sie alle heißen sind weitaus mehr als nur Platzhalter, um die Handlung voranzutreiben. Im Gegenteil: sie sind präzise Charakterstudien und wirken mit all ihren Eigenheiten glaubhaft und real.

Bedrückend real wirkt besonders der psychotische Käpt’n Ahab. Er wird von Anfang an als menschliches Wesen geschildert. Trotz seines übermenschlichen Hasses, der ihn verzehrt und des Mythos, der sich um die Figur herum aufgebaut hat. Ahab ist der Archetyp des gebrochenen, verwundeten Menschen, der sich rasend vor Zorn den Kräften des Schicksals entgegenwirft und gleichzeitig eine leere Hülle die langsam daran zugrunde geht.

Sein Auftauchen stellt auch einen Wendepunkt im Buch dar. Ist die Perspektive des Ich-Erzählers während seiner Zeit an Land noch relativ unbedarft und naiv-ironisch, so wandelt sich diese mit dem Auslaufen des Walfängers mehr und mehr: Dramatik, Beklemmung und Härte nehmen zu. Teilweise dokumentarische Passagen über den Walfang als solchen, die den Leser immer wieder Luft holen lassen, wechseln mit intensiven kammerspielartigen Szenen. Die Unausweichlichkeit des Schicksals von Schiff und Mannschaft in den Händen ihres wahnsinnigen Kapitäns wird durch die räumliche Enge der „Bühne“ Pequod zur Unausweichlichkeit verdichtet. Eine grandiose Inszenierung.

Melville ist eben nicht der typische Abenteuerschriftsteller, der seine Helden mehr oder weniger linear auf eine vorhersehbare Fahrt schickt und Moby Dick ist auch mehr als nur ein Abenteuerroman. Dort passiert viel mehr: Die Welt, in die uns Melville entführt ist ein intensiver und dichter Mikrokosmos. Ein aufs Existenzielle reduziertes Universum, in dem der Mensch mit all seinen Hoffnungen, Streben, Ängsten und Wünschen den Gesetzen des Kosmos oft schutzlos ausgeliefert ist.

Der Kampf mit dem weißen Wal selbst bildet das Zentrum dieses Mikrokosmos. Er ist das alles beherrschendes Motiv. Lange bevor Ahabs Gegner tatsächlich auftritt, spukt er wie ein Phantom durch die Erzählung und wird dabei ins wahrhaft biblische überhöht. Vom Leviathan ist da oft die Rede, vom apokalyptischen Seeungeheuer und Verkörperung des Teufels selbst. Da treffen (der passenderweise umherwandernde) Ismael und sein heidnischer Freund auf die seltsame Gestalt des Elia, der seinem biblischen Namen gerecht werdend die Rolle des Propheten einnimmt und sie vor ihrem drohenden Unheil, dass sie auf Ahabs Schiff erwartet, zu warnen versucht. Ahab selbst verdankt seinem Namen einem alttestamentarischen Königs, „dessen Blut die Hunde gekostet haben“ sollen. Einer der ersten überlieferten gescheiterten Charaktere der Menschheit? Und natürlich ist es der Wal, der in Pater Maples Predigt Jonas wieder zu Gott führt, nachdem dieser versucht hat, seinem Schöpfer bis ans Ende der Welt zu entfliehen.

Natürlich ist auch der Weg der Pequod und seiner Besatzung vorherbestimmt. So wie der Mensch dem göttlichen Willen nicht entkommen kann, sowenig kann er sich gegen die Natur selbst auflehnen. Ahab scheitert, wie einst Jonas, beim Versuch Gesetze zu brechen, die größer sind, als der Mensch. Sein Untergang ist gleichzeitig der Untergang all jener die Ahab gefolgt sind, die sich von ihm haben mitreißen lassen.