Diese Tage ist mir – beim Platz schaffen für Band 2 der Strugatzki-Neuübersetzungen von Heyne – ein alter Bekannter in die Hände gefallen: Moby Dick. Hübsch aufgemacht mit einer Filmszene aus der 1950er Verfilmung mit Gregory Peck, in der der Wal gerade Ahabs Walfangboot zwischen den Kiefern zermalmt, hat das Buch gleich meine Aufmerksamkeit geweckt. Eine irgendwie passende Situation – es scheint an der Sichtung dieses weißen Biests doch eine gewisse Magie zu stecken. „Wal! Da bläst er!“

Nachdem ich mich erst einmal durch die einleitende Etymologie zum Thema Wal hindurch durchgekämpft habe – eine recht quälende Sache, die aber dennoch irgendwie die passende Stimmung für den Einstieg aufbaut – und mir einen der wohl berühmtesten Anfangssätze der Literaturgeschichte („Nennt mich Ismael.“) auf der geistigen Zunge habe zergehen lassen, war ich auch schon unversehens zu sehr in das Buch involviert, um es so schnell wieder aus der Hand zu legen.

Es ist eine Weile her, seit ich Moby Dick zum ersten Mal gelesen habe und, obwohl ich mich an vieles recht genau erinnere, kommt es mir so vor, als würde ich doch ein komplett anderes Buch lesen. Ja, doch: man verändert sich – und gute Bücher mit einem.

War ich bei ersten Mal noch eher an der „Action“ interessiert („Ja, wann kommt endlich der Wal?“), genieße ich diesmal viel mehr das Kolorit einer längst vergangenen Zeit, stolpere gerne hier und da über Melvilles aufmerksame Gesellschaftskritik und lasse mich diesmal auch von dem – grad aus moderner Sicht – eher gemächlichen Tempo nicht aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil: Es baut sich Seite für Seite eine dichte, lebendige Atmosphäre auf.

Die Pequod, der uralte, seltsam mit Walbein verzierte Kahn erwacht so regelrecht zum Leben. Seine Besatzung, die Quequegs, Starbucks, Flasks und wie sie alle heißen sind weitaus mehr als nur Platzhalter, um die Handlung voranzutreiben. Im Gegenteil: sie sind präzise Charakterstudien und wirken mit all ihren Eigenheiten glaubhaft und real.

Bedrückend real wirkt besonders der psychotische Käpt’n Ahab. Er wird von Anfang an als menschliches Wesen geschildert. Trotz seines übermenschlichen Hasses, der ihn verzehrt und des Mythos, der sich um die Figur herum aufgebaut hat. Ahab ist der Archetyp des gebrochenen, verwundeten Menschen, der sich rasend vor Zorn den Kräften des Schicksals entgegenwirft und gleichzeitig eine leere Hülle die langsam daran zugrunde geht.

Sein Auftauchen stellt auch einen Wendepunkt im Buch dar. Ist die Perspektive des Ich-Erzählers während seiner Zeit an Land noch relativ unbedarft und naiv-ironisch, so wandelt sich diese mit dem Auslaufen des Walfängers mehr und mehr: Dramatik, Beklemmung und Härte nehmen zu. Teilweise dokumentarische Passagen über den Walfang als solchen, die den Leser immer wieder Luft holen lassen, wechseln mit intensiven kammerspielartigen Szenen. Die Unausweichlichkeit des Schicksals von Schiff und Mannschaft in den Händen ihres wahnsinnigen Kapitäns wird durch die räumliche Enge der „Bühne“ Pequod zur Unausweichlichkeit verdichtet. Eine grandiose Inszenierung.

Melville ist eben nicht der typische Abenteuerschriftsteller, der seine Helden mehr oder weniger linear auf eine vorhersehbare Fahrt schickt und Moby Dick ist auch mehr als nur ein Abenteuerroman. Dort passiert viel mehr: Die Welt, in die uns Melville entführt ist ein intensiver und dichter Mikrokosmos. Ein aufs Existenzielle reduziertes Universum, in dem der Mensch mit all seinen Hoffnungen, Streben, Ängsten und Wünschen den Gesetzen des Kosmos oft schutzlos ausgeliefert ist.

Der Kampf mit dem weißen Wal selbst bildet das Zentrum dieses Mikrokosmos. Er ist das alles beherrschendes Motiv. Lange bevor Ahabs Gegner tatsächlich auftritt, spukt er wie ein Phantom durch die Erzählung und wird dabei ins wahrhaft biblische überhöht. Vom Leviathan ist da oft die Rede, vom apokalyptischen Seeungeheuer und Verkörperung des Teufels selbst. Da treffen (der passenderweise umherwandernde) Ismael und sein heidnischer Freund auf die seltsame Gestalt des Elia, der seinem biblischen Namen gerecht werdend die Rolle des Propheten einnimmt und sie vor ihrem drohenden Unheil, dass sie auf Ahabs Schiff erwartet, zu warnen versucht. Ahab selbst verdankt seinem Namen einem alttestamentarischen Königs, „dessen Blut die Hunde gekostet haben“ sollen. Einer der ersten überlieferten gescheiterten Charaktere der Menschheit? Und natürlich ist es der Wal, der in Pater Maples Predigt Jonas wieder zu Gott führt, nachdem dieser versucht hat, seinem Schöpfer bis ans Ende der Welt zu entfliehen.

Natürlich ist auch der Weg der Pequod und seiner Besatzung vorherbestimmt. So wie der Mensch dem göttlichen Willen nicht entkommen kann, sowenig kann er sich gegen die Natur selbst auflehnen. Ahab scheitert, wie einst Jonas, beim Versuch Gesetze zu brechen, die größer sind, als der Mensch. Sein Untergang ist gleichzeitig der Untergang all jener die Ahab gefolgt sind, die sich von ihm haben mitreißen lassen.